Ungewohnte Töne dringen durch die Wände unserer Wohnungen hier seit geraumer Zeit. Nicht nur des Nachts, sondern zu fast jeder Tages- und Nachzeit. Wolfsgeheule der schaurigsten Art. Oder traurigsten Art?
Also wir leben hier in einem Wohnhaus mit Tierhalteverbot. Ja, das gibt es - auch heute noch. Das ist auch nicht weiter entsetzlich, denn so oft wie in unserem Haus steht Dir selten eine mehr oder weniger große Fellwurst mit unschuldigem Blick im Stiegenhaus gegenüber - nichtwissend, dass sein Herrl gegen eines der traditionsreichsten Genossenschaftsverbote unserer Herbergsgeber verstößt. Oder belegen mehrere treue Mietergefährten auf vier Beinen den Aufzug derart, dass vom Rudelführer kaum mehr was zu sehen ist und ich aus Platz-, Zeit- und Sauerstoffmangel zu Fuß gehen muss. Mit einem Satz: Dieses Verbot hat ein paar Klagende, aber keine Kläger. Über den Richter urteile ich nicht, er ist mein Brötchengeber.
Es stört also niemanden so richtig, dass die Anzahl der Mieter inkl. Haustiere trotz Verbot erheblich höher ist, als im Tierschutzhaus.
Von Wölfen steht wahrscheinlich
nix im Tierhalteverbot...
Doch in letzter Zeit herrscht Unruhe. Denn in einer der neu besetzten Wohnungen gibt es einen Vierbeiner, den es gewaltig kränkt, wenn er temporär alleinstehend leben muss. Und seiner Trauer Luft macht, indem er oder sie dann gewaltig heult. Stundenlang. Seit nunmehr geschätzten 3 Wochen. Also i sog's glei: I bin's ned.
Meine direkten und/oder indirekten Nachbarn (so genau kann ich das bei den schalldurchgängigen Wänden nicht immer feststellen) haben gegen Lärm eine, wie sie glauben, besonders ausgeklügelte Strategie. Sie schlagen mit den gleichen Waffen zurück. Sie lärmen. Bedeutet, sie trommeln womit auch immer, gegen Wände, Heizungsrohre, Türen oder diverses bruchfestes Mobiliar, um sich - nun ja, was wollen sie sich damit verschaffen? Ruhe? Gehör? Friede?
Wollen sie damit den Lärm des Krawallschanis, der sie stört, übertönen oder nur ihrem Ärger Luft machen? Sind die Racheradauheinis denn tatsächlich überzeugt, man würde aufgrund Angst vor anonymen Gegendiewändehämmern sofort den Geräuschpegel eines Schweigeklosters simulieren? Ich fürchte ja, sie sind überzeugt davon. Denn sie hämmern und hämmern und hämmern. Teilweise lauter als die Anfangslärmfraktion und dann ist das ganze verdammte Haus (einschließlich mir) munter. Ja, und dann kann es schon passieren, dass sich das ganze zu einem ordentlichen Gepumpere aufschaukelt. Bis alle erschöpft und müde sind und wieder friedlich einschlafen - nachdem sie alle noch vor lauter Aufregung über dieses Ärgernis aufs Klo gerannt sind und zigfach die Spülung betätigt haben. Ja, dann herrscht wieder Nachtruhe, dann haben wir es geschafft...
In geschätzten 5 Prozent der Fälle kommen die Lärmrückschläger tatsächlich mit ihrer lauten Forderung nach Stille durch und das Ursprungsdezibelepizentrum lässt sich von der Hämmerei einschüchtern. Doch im Falle unseres neuen Wolfshundes ist das - wie zu erwarten - ein wenig anders. Dem ist es - wer hätte das gedacht - tatsächlich furzegal, wer da im Gebäude seinen Grant mit Schlägen gegen das Mauerwerk ob seines Geheuls abreagiert. Denn er ist einsam, der Hund. Und außer seinem Herrl oder Frauerl kann ihn niemand trösten und schon gar niemand einschüchtern.
Heute hat sich die Situation auch noch dramatisch zugespitzt. Insgeheim befürchte ich ja schon seit einigen Tagen, es könnte sich in unserem hundedurchsetzten Gebäude irgendwo ein weiterer Vierbeiner mit unserem Neuhund solidarisch erklären. Das hab ich wohl verschrieen. Seit heute heulen zwei. Hehe... Im Grunde genommen nervt es mich ein wenig. Vor allem, wenn ich hier rekonvaleszent herumlieg' und schlafen möchte. Doch Aktion und Reaktion meiner tierischen und unmenschlichen Mitbewohner tragen zu einem gewissen Grad dazu bei, mich zu amüsieren. Soeben geht ein Jaulen und Klopfen durch das Haus, dass es eine wahre Freude ist!
Nun ich kenne den nächsten Schritt der Hausgemeinschaft genau. Schließlich wohn ich ja schon lang genug da, lasse mich manchmal von diesen suspekten Machenschaften der Ruhegestörten anstecken und hab ab und zu auch schon mal an eine Wand getrommelt. Allerdings, aufgrund mangelnder hölzerner oder metallener Alltagsgegenstände neben meiner Schlafstatt nur mit den Fäusten und das konnte nichtmal ich richtig hören. Weh getan hat es jedenfalls sehr, deshalb finde ich es blöde, mit Lärm auf mein Ruhebedürfnis aufmerksam zu machen - das macht keinen Spaß, nichtmal im größten Grant.
Tja, jetzt wird es nicht mehr lange dauern. Und es schleichen alsbald finstre Gestalten durch die Gänge, um den Hundling zu finden, der ihnen da die Schlafgewohnheiten raubt. Denn durch die komplizierte Architektur unseres Hauses weiß man nicht, wer tatsächlich der Nachbar nebenan ist. Der mit der Türe gleich daneben, so wie das im normalen Leben der Fall ist, ist es jedenfalls nie... - ehrlich! Also geht man lärmwärts (ja, ich hab das auch schon gemacht, ich geb's ja zu...) auf leisen Sohlen (dafür wurden die Croqs erfunden) von einer Tür zur nächsten, legt das Ohr an diverse Eingänge und triumphiert mit stolzgeschwellter Brust und wutentbrannter Seele ob der ausgemachten Krawallquelle! Dann kommen meine Mäusefäuste jedenfalls zum Einsatz, denn an Eingangstüren wirken sogar die! Der Rest ist eine andere Geschichte...
Was die Nachbarn damit beim jaulenden Hund erreichen wollen, weiß ich noch nicht. Ich habe jetzt schon nach kürzester Recherche durchschaut, dass es sich nichtmal lohnt, am Gang zu lauschen, ob eventuell doch der Türnachbar den neuen Hund hat. Aber sollte jemand im Haus dann vor der Hundetüre stehen, vielleicht beruhigt es den einsamen ja, wenn jemand vor der Türe steht und dann ist wieder heilige Ruhe.
Ich jedenfalls lausche hier vom Sofa aus aufmerksam dem Geschehen entgegen. Der Lärm löst sich sicher in den nächsten Tagen ohne mein Zutun. Und hoffentlich auch ohne Mord und Totschlag.